Zwischen Frust und Hundeliebe

(…und warum Hundetrainer auch nur Hundehalter sind.)

Eine wahre Geschichte

Heute möchte ich keinen Fachartikel schreiben.
Keine Trainingstipps geben und auch keine Verhaltensanalyse aus dem Lehrbuch vorbeten.

Heute möchte ich euch einfach meine Geschichte erzählen.

Eine Geschichte über einen dieser Momente, in denen die Hundetrainerin in mir ganz leise wird und die Hundehalterin, Christin, ihren eigenen, verhaltensauffälligen Hund an der Leine hat und zu ihm sagt „Verdammt, was stimmt denn nur nicht mit dir?!“.

Vielleicht findet ihr euch ja wieder und könnt etwas für euch mitnehmen.
Denn genau so ein Moment ist heute passiert…

———————————

Koda war einfach nicht Koda

Heute Nachmittag waren wir zu viert auf einer unserer üblichen Gassirunden unterwegs. Tobias mit Charlie vorneweg, ich mit Koda etwas dahinter.

Schon am Morgen hatte ich das Gefühl, dass mit Koda etwas nicht stimmt. Wir hatten verschlafen und sein Frühstück kam später als gewohnt. Sein Bauch hat gekrakeelt wie verrückt, vermutlich hatte ihm die Magensäure wieder ordentlich zugesetzt. Er wollte partout nichts fressen. Nicht einmal Käse oder seinen heiß-geliebten Kartoffelbrei. (Ja, dieser Hund LIEBT Kartoffelbrei. 😅)

Im Laufe des Tages kam Durchfall dazu. Seine Resorptionsstörungen machten sich bemerkbar und er war deutlich anhänglicher als sonst. Wer seinen Hund kennt, weiss, wann seine Fellnase einen doofen Tag hat.

Heute war einer. Koda war einfach nicht ganz Koda.

Auf der Gassirunde lief er ausserdem die ganze Zeit vorn in die Leine. Nase auf den Boden, Welt vergessen, auf geht’s. Immer wieder musste ich stehen bleiben und warten, bis wir an lockerer Leine weitergehen konnten. Deshalb lagen wir ein gutes Stück hinter Tobias und Charlie zurück…

———————————

Goldie trifft Goldie

Vor ein paar Tagen hat BlackandWoof eine Anfrage für eine Welpenbetreuung erhalten.

Drei Tage pro Woche. Ein junger Golden Retriever.

Ein zuckersüsser kleiner Goldie-Rüde, der sofort unser Herz erobert hat. Entsprechend gross war natürlich die Freude über die Anfrage und das ehrliche Kundeninteresse. Ein persönliches Treffen für ein näheres Kennenlernen (unterwegs kurz getroffen hatten wir uns bereits) und zur Detailbesprechung war schon für in 4 Tagen vereinbart.

Zumindest war das der Plan…

Kurz vor Zuhause kamen uns dann eben besagte potenzielle Kunden auf unserer Gassirunde entgegen. Freudestrahlend liefen sie da mit ihrem 12 Wochen alten Herzbub an Geschirr und Leine.

Zunächst war alles genau so, wie man es sich wünschen würde.

Charlie begrüsste den kleinen Mann. Der wollte spielen, Charlie auch. Aber da Charlie als Vorzeige-Goldie nur 1 Jahr alt geworden und danach nur noch gewachsen ist, bleibt er im Herzen einfach immer ein Welpe, wenn er einen sieht und unterschätzt dabei etwas seine Kraft und Größe. Trotzdem war alles easy. Charlie war etwas „zu viel Charlie“, aber vorsichtig: Er ist mit dem kleinen Knirps um die Wette gehüpft, Glücksbarometer auf 100km/h und hat dann erstmal noch ausgiebig die Menschen dazu begrüßt. Charlie halt. 💛

Als es dem Kleinen sichtbar zu viel wurde, reagierte Tobias ruhig, leinte Charlie an und sorgte für etwas mehr Abstand zwischen den Hunden. Ohne Druck, ohne Leinenruck und ohne grosse Aufregung…

…und dann bemerkte Koda die Situation…

———————————

Wenn der Plan (nicht) aufgeht

In dem Moment, in dem Koda sah, dass Tobias und Charlie stehen blieben und Charlie das fremde Rudel begrüsste, war es vorbei.

Die Leine ging auf Spannung. Koda machte sich groß und ehe ich reagieren konnte, sprang er mir schon mit voller Wucht in die Leine. Lautstark bellend und mit aufgestelltem Nackenfell.

Ich vergrösserte sofort weiter den Abstand, ging auf einen Grünstreifen neben dem Hauptweg und versuchte ihn dadurch aus der Situation herauszunehmen. Dort blieb er auch bei mir und die Leine entspannte sich. Aber er hörte nicht auf zu bellen. Im Gegenteil. Mit Signalen Ruhe in Koda zu bringen, gelang mir nicht. Er sprang wild durch die Gegend, steigerte sich immer weiter hinein und beschallte mit gefühlten 100 Dezibel die Nachbarschaft.

Als unsere potenziellen Kunden dann mit ihrem Welpen auf unserer Höhe des Weges ankamen, knurrte Koda sogar (bevor er weiterbellte). Sein ganzer Körper bebte vor Anspannung.

Und ich stand daneben.

Mitten in dieser Situation.

Vor den Menschen, die in zwei Tagen entscheiden sollten, ob sie uns ihren Welpen anvertrauen möchten.

Halleluja…

Ich blendete Herrli- und Frauli-Goldiewelpe samt ihrem creme-farbenen Babybell aus und atmete tief durch. 

Ich schaute weder sie noch Koda an, nahm Koda an der Leine einfach mit und schloss anschließend zu Tobias und Charlie auf, die immer noch in 20 Metern Entfernung auf uns warteten. Ich war ruhig. Sachlich. Und zumindest nach außen souverän.
Innerlich brannte in mir eine Höllenwut im Bauch.
Und ganz eigentlich hätte ich am liebsten meinen Frust genauso laut wie Koda einfach herausbrüllen wollen…

Diese Hundebegegnung hat sich für mich angefühlt wie völliges Versagen. 
War alles wirklich so dramatisch, wie ich es empfunden habe?
Was bedeutet das jetzt für BlackandWoof?
Haben wir unseren Kunden verloren? 

———————————

Kodas Geschichte

Natürlich kennen wir diese Themen mit ihm und natürlich kennen wir Kodas Geschichte.

In seiner wichtigsten Prägephase der ersten 10 Lebenswochen hat Koda gelernt, dass Bellen die Antwort auf einfach ALLES ist.
Kommt ein Mensch, wird gebellt.
Kommt ein Auto, wird gebellt.
Kommt Besuch, wird gebellt.
Kommt Frauchen nach Hause, wird vor Freude gebellt.
Das Spiel könnte ich endlos weitertreiben…

Koda und seine 9 Geschwister haben dieses Verhalten von ihrer Mutter übernommen und in ihrer Kinderstube im Rudel verinnerlicht.

Heute ist Koda vier Jahre alt.

Wir haben mehr als zwei Jahre daran gearbeitet, entspannt an Menschen vorbeigehen zu können, ohne dass er seine Meinung zu ihnen lautstark kundtut.
Besuch zuhause oder Gespräche während der Gassirunde muss er bis heute grundsätzlich kommentieren. Der Unterschied ist nur, dass er inzwischen akzeptiert, wenn wir ihm sagen, dass die Angelegenheit geklärt ist beziehungsweise, dass es UNSERE ist und er die Situation nicht weiter „moderieren“ muss…

———————————

Habe ich versagt?

Ich kenne meinen Hund in- und auswendig. Und mir ist vollkommen klar, dass auch ein Hund, der enorme Fortschritte gemacht hat, einen schlechten Tag haben kann. Und nicht nur das: Aus Hundetrainer- und Verhaltensberatungsperspektive gibt es so einige schlüssige Erklärungsansätze für Kodas Aggressionsverhalten in der passierten Situation. 

Nur war ich eben heute nicht als analysierende Hundefachfrau unterwegs, sondern einfach als ich. Christin, 38, Hundehalterin und Tierliebhaberin. Frustriert, enttäuscht, verärgert und traurig über eine auffällige Hundebegegnung von der ich eigentlich dachte, dass wir diese Zeiten längst hinter uns gelassen haben…

Koda hat mich so überrascht, dass ich nicht weiß, ob ich angemessen auf sein auffälliges reagiert habe. Keine Ahnung!

Was ich allerdings weiss, ist, dass ich mich seitdem gefragt habe, über wen ich mich eigentlich mehr ärgere.

Über mich selbst, weil ich vielleicht souveräner hätte agieren müssen – als angehende Hundetrainerin.
Oder über Koda, weil er sich schon lange nicht mehr so verrückt verhalten hat.

Warum habe ich das nicht früher bemerkt?
Warum habe ich nicht rechtzeitig geschaltet?
Müsste ich mit meinem Hundewissen nicht genau solche Situationen mittlerweile vorhersehen?

Und wie glaubwürdig ist eine Hundetrainerin eigentlich, wenn ihr eigener Hund sich benimmt wie der Dorfrowdy auf Koks?

Vor allem auf dem Land.
Hier sprechen sich solche Dinge ungefähr mit Lichtgeschwindigkeit herum.
Die Leute reden. Immer.

Verstehen „diese Leute“, dass auch ein Hundetrainer nur ein Mensch ist und sein Hund ein Hund (und damit auch nur ein Mensch)?

Wie viel gesellschaftliche Unperfektion verzeihen sie BlackandWoof? 

———————————

Ich wünsche euch Zeit!

Heute bin ich enttäuscht und wütend. Auf mich und die Momentaufnahme. Und ich weiß nicht, welche Folgen das Ganze nach sich zieht. Ob überhaupt… 

Aber was ich ganz genau weiß, ist, wer Koda ist.

Ich kenne jede seiner Fellwirbel seit seiner fünften Lebenswoche. In der 9. Woche ist er bei uns eingezogen. Ich kenne seine Baustellen, seine Trigger und die Verhaltensweisen, die so tief sitzen, dass wir sie vermutlich nie vollständig umlenken werden. Ich kenne aber auch seine Fortschritte und all die Situationen, die heute selbstverständlich erscheinen, obwohl sie es früher überhaupt nicht waren. Koda ist nicht der Hund, der heute bellend in die Leine gesprungen ist.

Sondern der Hund, der seit vier Jahren an unserer Seite durchs Leben geht.
Der Clown, der uns täglich zum Lachen bringt.
Der Sturkopf, der jede Diskussion für verhandelbar hält.
Der Schmusebär, der heute schon den ganzen Tag meine Nähe gesucht hat, weil es ihm nicht gut ging.
Der treue Begleiter, auf den ich mich jederzeit verlassen kann.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass genau darin meine wichtigste Erkenntnis dieses Tages liegt:

Hundeliebe zeigt sich nicht an den einfachen Tagen.

Sie zeigt sich an den Tagen, an denen unser Hund uns herausfordert. An den Tagen, an denen wir frustriert sind, uns vielleicht schämen oder uns fragen, was andere Menschen jetzt wohl von uns denken.

Und trotzdem schauen wir unseren Hund an und sagen:
„Ich bin da. Wir schaffen das zusammen.“

Und genau darum geht es auch bei BlackandWoof. Deshalb sind Koda und ich Teil davon:
Es geht nicht um perfekte Hunde und Menschen. Es geht darum, gemeinsam zu lernen und aneinander zu wachsen.

Genau das haben Koda und ich heute erlebt. Und solche Momente (egal wie sie aussehen mögen) wünsche ich allen Hundehaltern während ihrer gemeinsamen, wunderbaren, einzigartigen Zeit mit ihren Fellnasen. 🐾

———————————

Bis zum Mond und zurück

BlackandWoof begleitet Hund-Mensch-Teams auf ihrem ganz persönlichen Weg. Und manchmal erinnert uns das Leben daran, dass wir selbst eines dieser Teams sind.

Vielleicht sogar öfter, als uns lieb ist.

Und egal wie sauer ich gerade auf mich und die Welt bin: Morgen sieht sie wieder anders aus. 

Und egal, was für ein kleiner Spinner du heute warst, kleiner Koda:
Wir schaffen das, denn
ich hab dich unendlich lieb.
Bis zum Mond und zurück. 
Für immer.

4 Pfoten. Ein Team. ECHT verbunden.
💛💙❤️💚

 

Koda zwischen den Dünen